Into the wild – Fisch & Fliege Magazin 2017

Posted by on Mrz 5, 2019 in Unkategorisiert | No Comments

Von Balmaceda durchqueren wir – Tomás Bravo, gebürtiger Patagone, Christian Contreras, Jarvis Valenzuela aus Santiago de Chile und ich die weite Steppe mit unserem Geländewagen und nehmen schließlich die Ruta 7, die sich ihren Weg durch riesige Felsmassive bahnt. Über uns kreisen die Geier und das Quecksilber ist bereits auf 27 Grad gestiegen. Nach 60 Kilometern erreichen wir Coyhaique, das 1929 von den ersten huasos (chilenische Landarbeiter) als Hauptstadt der Region Aysén gegründet wurde. Die überdachten Gehsteige erinnern an einen alten Westernfilm. Auf der Veranda unserer cabaña (Hütte) verbringen wir die heißen Mittagsstunden mit kühlen Drinks und beschließen, den milden Sommerabend für einen Ausflug zum Rio Simpson zu nutzen.

Die kurvenreiche Straße führt uns entlang der steilen Felswände des Naturreservates Rio Simpson, der Heimat von huemules (Südandenhirsch), Füchsen und Pumas. Wir parken am Straßenrand, stecken unsere Ruten zusammen und klettern über den Zaun einer Bullenwiese, die uns als letztes Hindernis von den ersten Würfen trennt. Die Wellen auf dem Fluss funkeln in der Abendsonne und eine Brise aus Nordwesten bringt kühle Luft ins Tal. Wir fischen in der Mittelströmung und den Pools der Uferzonen mit Nymphen, die wir an 0,20er Tippets servieren.

Mit Beginn der Dämmerung, die den Fluss in ein orangerotes Licht taucht, füllt sich die Luft mit Insektenschwärmen. Jarvis ruft mich zu sich und zeigt auf einen Baumstamm, hinter dem eine Regenbogenforelle in ihrer „comfort zone“ raubt. Von seiner Fliege will sie allerdings nichts wissen. Er überlässt mir den nächsten Wurf. Ich platziere meine Steinfiege direkt hinter der Strömungskante, wo das Muster langsam eine Runde dreht. Dann kommt die heftige Attacke, gefolgt von einer schnellen Flucht und spektakulären Sprüngen im Sonnenuntergang. Ein schöner Auftakt für die kommenden Tage!

Der Fluss liegt 70 Kilometer nordöstlich von Coyhaique und bahnt sich mit mäßigen Strömungen und großen Pools seinen Weg durch die flache Steppe. Die mit einigen Bäumen und hoch gewachsenem Gras gesäumten Ufer bieten einen idealen Ausblick auf fantastische Steinformationen und sind das Zuhause von vielen, sehr vielen Grashüpfern. Der Wind der Pampa sorgt dafür, dass die Forellen einen reich gedeckten Tisch vorfinden und macht den Fluss damit zu einem echten Paradies für Trockenfliegen. Die Bisse kommen blitzschnell! Sobald der „Hopper“ auf der Wasseroberfläche landet, ist er auch schon in einem Strudel verschwunden.

Wir benötigten einige Zeit, um uns an dieses Tempo zu gewöhnen. Bis in die Abendstunden werden die inzwischen ziemlich zerbissenen Fliegen fast im Minutentakt attackiert und bringen uns viele Bachforellen zwischen zwei und drei Pfund. Dementsprechend gut ist die Stimmung, als wir uns am abendlichen Lagerfeuer treffen. Tomás sorgt dafür, dass das Feuer brennt, während Jarvis unsere chorizos (würzige Wurst mit Paprika und Knoblauch) auf den Punkt grillt und schließlich im warmen Brot als choripan (landestypisches Sandwich) verteilt. Christian und ich sammeln Feuerholz und entkorken die eine oder andere Weinflasche. Wir tauschen unsere Erlebnisse aus und krabbeln schließlich mit der Vorfreude auf die kommenden Tage unter dem sternenklaren Himmel in die Zelte.

Der Fluss Rio Mañihuales bietet vielseitige Strukturen mit seichteren Abschnitten, Stromschnellen, Flusswirbeln und Pools. Aufgrund seiner teilweise sehr dicht bewachsenen Ufer und seinem glasklaren Wasser zwingt er uns zu präzisen Rollwürfen. Wir pirschen ber den sandigen Flussgrund stromabwärts. Dabei servieren wir Elk Caddis möglichst geschmeidig unter den überhängenden Ästen der urigen Bäume und lassen die Trockenfliegen in dem nahezu windstillen Schatten so lange wie möglich driften.

Hin und wieder löst sich eine Forelle vom Grund und nimmt entschlossen die Fliege. So waten wir durch den Flussabschnitt, der in einem großen Pool mündet. Aufsteigende Lachse durchbrechen hier immer wieder mit kraftvollen Sprüngen die Wasseroberfläche. Das Ufer ist an dieser Stelle fast undurchdringlich. Aus Liebe zu unseren 5er Ruten bleiben wir bei der Forellenfischerei, kochen Wasser für mate (Tee) und genießen das Naturschauspiel bis in die Abendstunden.

Kühlere Temperaturen und aufkommende Schauer erscheinen uns die richtigen Bedingungen für einen weiteren Versuch am Rio Simpson. Die Forellen rauben jetzt permanent, beißen dennoch sehr spitz. Ich mache einen Wurf ins Blaue, ohne weiter darüber nachzudenken. Ein Schwall und die Steinfliege ist urplötzlich von der Wasserober äche verschwunden. Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, dass dies keine kleine Forelle war. Als ich den Anhieb setze ist mir klar: Dies wird der Fisch des Trips!

Die kraftvollen Fluchten in alle möglichen Richtungen lassen auf eine 60+ Regenbogenforelle schließen! Ich versuche, mich langsam zum Ufer zu bewegen und nehme mir dabei wohl nicht gen gend Zeit. Meine Gegnerin zieht in einem Wahnsinnstempo stromaufwärts und entledigt sich nach ein paar gekonnten Manövern meiner Fliege… Danach herrschen absolute Ruhe und Leere, angereichert mit dem Restadrenalin des Drills. Eine eigenartige Mischung, die ich nur vom Fliegen schen kenne. Sicherlich gehört so eine Erfahrung dazu, doch ich hänge dem verlorenen Fisch trotz schöner Fänge noch Tage später nach. Ich will Revanche!

Kurz vor Ende unserer Tour in die Region Aysén landen wir noch einige schöne Forellen. In der Dämmerung ziehen schwarze Regenwolken auf und im Dunkeln sehe ich, wie Christian ziemlich hastig auf die Uferzone zeigt und dabei „truchon“ ruft, was große Forelle bedeutet. Der Haken meiner Steinfliege ist durch einen Hänger ziemlich verbogen und mein Leader aufgrund plötzlich aufkommender Sturmböen so stark verknotet, dass ich kurz damit hadere, die Rute einzupacken. Doch beim Anblick der unzähligen Ringe in der Uferzone kann ich nicht anders, als den Haken wieder gerade zu biegen und die Schnur zu entknoten.

Dann werfe ich die deutlich mitgenommene Fliege in die Nähe eines im Schatten liegenden Baumstammes. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob mein Muster schon oder überhaupt auf dem Wasser gelandet ist. Als ich jedoch das laute „Flatsch“ höre, setze ich blind den Anhieb und spüre direkt den Druck des Fisches! Da es keinen weiteren Wurf geben wird und am nächsten Tag das Flugzeug in Balamceda auf mich wartet, nehme ich mir die nötige Zeit und genieße den – etwas behutsameren – Drill wie keinen anderen dieses Trips. Der Fluss zeigt sich von seiner besten Seite und schenkt mir zum Abschied noch eine 63er Regenbogenforelle. Zufrieden steigen wir in unseren Geländewagen, der Regen wird heftiger, prasselt auf das Autodach und ich bin froh, dieses einzigartige Stück Natur und die Gastfreundlichkeit der Patagonen kennengelernt zu haben. Ein Gefühl der Zufriedenheit macht sich breit und schreit förmlich nach einer Fortsetzung…

Text: Tobias Cordes  Fotos: Tobias Cordes, Tomás Bravo