Die Legende vom Drachental – Fischers Fritz Magazin 2019

Posted by on Aug 22, 2019 in Unkategorisiert | No Comments

Es kann nichts Vollkommeneres geben, als sich beim Anbruch des Tages eine Fliegenrute zu greifen, den Rucksack zu packen und die Aussicht auf einen Tag an einem wilden, nahezu unberührten Fluss zu genießen.
Es ist ein klarer, himmelblauer Tag im späten Mai; die Luft ist warm und die Wälder sprießen in sattem Grün. Eine Bergstraße führt mich durch bezaubernde Fichtenwälder über kleine Bäche und saftige Weiden. Am Horizont schimmern die Kämme der Voralpen im Morgenlicht.
Dann öffnen sich die dicht bewaldeten Hänge des magischen Drachentals vor mir; still liegt es unten zwischen den umliegenden Felswänden.

DIE LEGENDE

Vor rund 500 Jahren ließen sich die ersten Siedler im Süden des Leitzachtals nieder. Sie bauten ihre Häuser an den Hängen der Berge und hörten die Leitzach tief unten im Tal donnern. Den Weg dorthin mieden sie allerdings. Sie glaubten, dass in der Tiefe Drachen hausten. Wenn am Morgen der Nebel an den Berghängen hinaufstieg, dachten sie, das sei der Rauch des Drachenfeuers. Der Name „Drachental“ war geboren. Er ist bis heute geblieben.

EIN FLUSS VOLLER LEBEN

Im Oberlauf meist gesäumt von weitläufigen Wiesen, fließt die Leitzach durch die malerische Landschaft der Voralpen. Sie steckt voller Leben. Das liegt an ihrem frischen, sauerstoffreichen, glasklaren Wasser mit den sprudelnden Stromschnellen und tiefen Pools – alles in allem ein idealer Lebensraum für Regenbogen- und Bachforellen sowie Äschen.
Das kühle Bergwasser sorgt dafür, dass die Fische auch in der Sommerhitze aktiv sind. Im Frühling kann man hier wunderbare Fliegenschlüpfe erleben, wobei große Steinfliegen einen wichtigen Teil der Fischnahrung ausmachen.

Doch das Beste ist, dass in dieser Region seit den 1930er Jahren praktisch kein Fischereidruck ausgeübt wurde. Die natürliche Umwelt ist einer Familie zu verdanken, die seit Generationen ausschließlich im Drachental fischte. So konnte sich in der Leitzach eine gesunde Population von Forellen und Äschen entwickeln, von denen viele nie zuvor eine künstliche Fliege gesehen haben.

DIE ERSTEN WÜRFE

Oberhalb der alten Mühle von Wörnsmühl steige ich in meine hüfthohe Wathose und binde eine Elk Caddis-Fliege an mein 0,18mm Vorfach. Froh über die kühle Erfrischung des Gebirgswassers, mache ich meine ersten Würfe in den Schattenbereich des gegenüber liegenden Ufers. Kleine Forellen attackieren die Trockenfliege sofort. Sie stellen sich an meiner 4er-Rute als ziemlich kampfstark heraus.
Mit ihrer wunderbaren Zeichnung sind sie der lebende Beweis der exzellenten Wasserqualität und des reichen Nahrungsangebots.
Gemächlich wandere ich am Ufer flussaufwärts, um größere Fische zu entdecken. Der Weg führt vorbei an mächtigen Felsen, hinter denen sich Rückströmungen bilden. Von einer Holzbrücke öffnet sich ein fantastischer Blick über einen Pool, der mich mit seinem türkisfarbenen, glasklaren Wasser an die Flussläufe Sloweniens erinnert; hier ist das Tor zum geheimnisvollen Drachental.

Im Schutz überhängender Äste wartet eine Gruppe Forellen auf Futter. Es erfordert ein bisschen Geschick, um die Trockenfliege stromaufwärts vor ihnen abzulegen. Die starke Strömung sorgt dafür, daß ich den Anhieb sehr schnell setzen muss. Die bildschönen Regenbogenforellen zögern nicht lange, mein Herz schlägt höher.

HINEIN INS DRACHENTAL

Immer auf der Suche nach einem Nebenfluss oder einem noch besseren Platz zum Fischen folge ich dem Flusslauf, der tiefer ins Tal hinein führt. Die Hänge werden steiler und nur wenige Sonnenstrahlen durchdringen das dichte Blätterdach der Bäume. Die Geschichte der alten Legende kommt mir in den Sinn. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie ein Drache im Unterholz zwischen den riesigen Farnen und Moosen lebte, um die geheime Quelle der Leitzach zu bewachen. Gewaltige Stauden, auf denen Steinfliegen von beeindruckender Größe krabbeln und imponierende Libellen, die am Ufer patrouillieren, könnten auch aus einem Zeitalter aus der Frühzeit der Erde stammen.
Da sich kaum Forellen an der Oberfläche zeigen, knote ich zunächst die bewährte Prince Nymphe an mein Vorfach und lasse sie in ohne jede Bewegung am Ufer entlang treiben – in einer dead Drift , wie Fachleute sagen. Diese Methode funktioniert hier wunderbar.

In den tieferen Pools bringe ich eine beschwerte Goldkopf-Nymphe ins Spiel, um größere Forellen aus der Tiefe zu locken; vorerst noch ohne Erfolg. Dann durchstreife ich die Schutzzone der Leitzach, in der sich zwischen großen Schilfgürteln viele Brutplätze einheimischer Vögel befinden. In der Ferne erhebt sich, 1.838 Meter hoch, majestätisch der Wendelstein. So viel Anmut rundum macht ein bisschen demütig.

DIE STUNDE DER GROSSEN

Es treibt mich weiter stromaufwärts, durch mannshohes Schilf, wo die Leitzach in einer breiten Kurve um eine längliche Schotterbank führt. Hier haben sich vom Fluss mitgeführte Steine und große Mengen von Sand abgelagert – ein idealer Platz für ein Camp. Ich sammle etwas Totholz für die Feuerstelle und lasse eine Stonefly-Nymphe die Kiesbank entlang driften.
Es ist der Auftakt für den Höhepunkt des Tages: In der Dämmerung nämmlich winkt die Stunde der Großen! Und wirklich: Es gibt packende Drills, die einen beflügeln und die Vorfreude auf den nächsten Tag schüren.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit packe ich meine Rute und wandere zurück zum Lager; es wird umhüllt vom Alpenglühen der umliegenden Berge. Am Lagerfeuer entfaltet sich einmal mehr die einzigartige Magie dieses Ortes. Ich lege den Kopf in den Nacken, über mir erstahlt der Sternenhimmel in seiner ganzen Pracht. Man kann sich kaum satt sehen. Am Ende schlüpfe ich glücklich ich in meinen Schlafsack.

NEUER TAG, NEUES GLÜCK

Der neue Tag ist frisch und kraftvoll. Ich klettere am frühen Morgen aus meinem Zelt. Nebel liegt auf dem Fluss. Junge Forellen pflücken bereits kleine Insekten von der Wasseroberfläche.
Während die Sonne langsam über die Wipfel der Bäume steigt, koche ich Kaffee und beobachte das Schauspiel. Später folge ich einem Wanderweg, der mich entlang des Berghangs führt. Sonnenstrahlen leuchten das Flussbett aus. Fasziniert von dem Funkeln, das das Licht auf den Wellen erzeugt, entdecke ich hinter einem Felsen eine große Bachforelle in ihrer Komfortzone. Aufgeregt wate ich zum anderen Ufer, um sie von dort stromaufwärts anzuwerfen. Viele Versuche wird sie mir bestimmt nicht geben.

Der erste Wurf gerät noch etwas zu kurz. Danach landet meine Trockenfliege genau auf dem Felsen. Mit einem Zupfer gelangt sie in die Strömung und treibt direkt hinter den Felsen, wo die Forelle noch immer wartet. Sie zögert keine Sekunde und attackiert meine Fliege sofort. Sie entwickelt in der Strömung eine verblüffende Kraft , so dass ich ein Stück flussabwärts laufen muss, um sie nicht zwischen dem Treibholz und den Felsen des Strömungstrichters zu verlieren. In rasendem Tempo wechselt die Forelle zwischen den Strömungen hin und her, ihre Flanke glitzert golden in den Wellen der Leitzach.

Am Ende gleitet der prächtige, rot orange gepunktete Fisch ermattet in meinen Kescher. Zufrieden mit meinem Fang picknicke ich auf einer duftenden, blühenden Wiese. Schwer zu beschreiben, welche Gefühle mein Inneres in diesem Moment fluten. Vielleicht ähneln sie denen eines Bergsteigers beim Erreichen des Gipfels, oder jenen eines Surfers, dem es gelingt, eine besonders hohe Welle zu reiten.
Eines steht fest: Für mich gibt es nichts Wichtigeres als die Flüchtigkeit und Einfachheit dieser Momente. Sind sie doch eine Chance, die Schönheit seiner Umgebung zu erkennen; nach innen zu schauen und ein Teil seiner Umwelt zu werden.

Text: Tobias Cordes  Fotos: Phillip Noss, Jonathon Muir